Nach einer schmerzlich langen Fahrt von einer Nacht und fast einem ganzen Tag kommen wir endlich in Udaipur an, der erste Stop in Rajasthan.
Und schon die ersten Eindruecke sind vielversprechend: schmale, aber helle, kurvige Gassen, mal bergauf, mal bergab, fuehren in einem verwirrenden Geflecht durch den alten Teil der Stadt. Wir sehen all dies im Vorbeirauschen bei der halzbrecherischen Fahrt per Autorickshaw zum Hotel. OHne Ruecksicht auf andere Lebewesen, die die Strassen benutzen (oder auch jene hinten auf seiner Rickshaw - uns!) braust der Fahrer wie besessen durch die Gassen - bis die Rickshaw mitten am Berg ploetzlich den Geist aufgibt. (Ein deja vu laesst nicht lange auf sich warten: Ich erinnere mich der etwas besorgniserregenden Situation, in die wir in Mumbai geraten sind. Der Motor des Taxis dort wollte doch schlicht nicht mehr anspringen, und das mitten auf der riesigen Kreuzung auf einer von Mumbais Verkehrsadern. Nach indischer Manier wird aber nicht lang gezappelt, sondern einfach mit viel Gehupe und Geschiebe das Gefaehrt zwischen fahrenden und ihrerseits hupenden Autos an den Fahrbahnrand befoerdert und wir in ein anderes Taxi gesetzt. Problem geloest.)
Da wir uns abr hier nun in einer nur unmassgeblich :) kleineren Stadt befinden, vollzieht sich das ganze Prozedere wenig spektakulaer, und wir lassen es halb resigniert und halb amuesiert ueber uns ergehen. (Wir sind es schon laengst gewohnt, als das Gleiche in Delhi wieder passiert.)
Ein kurzer Blick von der Dachterrasse des Hotelrestaurants reicht, um uns zum Bleiben zu ueberreden. Die weissgetuenchten, palastartig und unglaublich filigran verzierten Havelis - Wohnhaeuser - und der ein oder andere wirkliche Palast spiegeln sich im See, um den sich die Stadt draengt. Leicht zu glauben ist es nun, das Udaipur die wohl romantischste Stadt Indiens sein soll.
Viel Zeit verbringen wir mit langen Spaziergaengen durch die Gassen entlang der weissen Haeuser, die durch die haeufig blaugestrichenen Fenster und Tueren merkwuerdigerweise griechisch anmuten. Die Havelis dagegen, ueberall in der Stadt verstreut, sind eindeutig orientalischer Herkunft und verspruehen einen Hauch von 1001 und einer Nacht. Das Leben auf den Strassen dagegen ist eindeutig und unverfehlbar indisch.
Mal finden wir uns in Gassen wieder, die fast privat anmuten und in denen sich der indische Alltag direkt vor unseren Augen abspielt. Und mal geraten wir an eine andere Seite indischen Alltags: Wenn zu bestimmten Zeiten ploetzlich alle Einwohner Udaipurs auf einmal entlang einer einzigen schmalen Gasse zu ihren unterschiedlichen Zielen gelangen wollen, resultiert das in einem gewaltigen Ereignis aus lautstarkem Hupen und Rufen, und mit ein bisschen Glueck besteht zwischen den einzelnen Verkehrsteilnehmern ein Abstand von zehn Zentimetern. Wir retten uns mal hinter eine Kuh (die wird man schon nicht umfahren), mal auf die Stufen eines Hauseingangs und harren dem Augenblick, indem sich die Massen foertbewegt und wieder ein bisschen Platz fuer unsere Fuesschen da ist - manchmal eine ganze Weile. Ich kann in solchen so typisch indischen Situationen meist nicht anders, als loszulachen, aus Erstaunen ueber die blosse Absurditaet dieser Situationen, die fuer die Inder, Bewohner dieses so hoffnungslos ueberbevoelkerten Landes, Alltag sind.
An dieser Stelle sollte vielleicht Erwaehnung finden, was fuer mich wahrscheinlich an Platz eins der "Kuehe in Indien" Rangliste gehoert.
In ihrer - heiligen - Dekadenz liegt diese schwarzbraune Vertreterin ihrer Rasse mitten auf einer schmalen Fussgaengerbruecke Udaipurs, die die beiden Seiten der Stadt entlang des Sees verbindet, und versperrt auf ganzer Breite den Weg fuer die zahlreichen Passanten und Fahrrad- oder Motorrollerfahrer. In voelliger Seelenruhe kaut sie auf ein paar Halmen herum und blinzelt den hilflosen Menschen stoisch entgegen. Einfach herrlich. (PLatz zwei duerfte uebrigens das graue Exemplar einnehmen, das genuesslich ein paar alte Plastiktueten verzehrt - und das mitten auf einem Gleis auf Delhis Hauptbahnhof, ungeachtet der Zuege und Menschenmassen.)
Nachdem wir nun schon einige Tage in Indien und den Geschmaecken des indischen Essens inzwischen ganz und gar verfallen sind, entschliessen wir uns, einen KOchkurs zu machen - man will ja wissen, wie man diese Genuesslichkeiten selbst machen kann. (Ja ich weiss, jeder der mich kennt wird mit dem KOpf schuetteln und behaupten, ich werde doch nie auch nur eines der Rezepte tatsaechlich ausprobieren. Ich fuerchte, ihr kennt mich einfach zu gut...) Shashi, die KOechin und Lehrerin, ist eine grossartig resolute und dabei liebenswuerdige Frau. Zu Anfang erzaehlt sie uns ihre Geschichte. Als ihr Mann vor einigen Jahren starb, war sie als Mitglied der obersten Kaste, eine Brahmin, vor eine verzweifelte Wahl gestellt: Entweder, sie wuerde mit kleinen JObs, so zum Beispiel Putzen und Waschen, Geld verdienen und damit gegen die Regeln ihrer Kaste verstossen, nach denen diese niederen Arbeiten fuer die Brahmin verboten sind, oder aber verhungern. Natuerlich tat sie ersteres, immer unter der Hand, immer mit der Angst, entdeckt zu werden. Bis irgendwann ein paar Touristen, die sie zufaellkig getroffen und bekocht hatte, ihr vorschlugen, eine Kochschule aufzumachen. Seitdem kann sie sich vor willigen Kochschuelern kaum halten und freut sich auf die Zeit im Jahr, in der die meisten Touristen wegen der Hitze wegbleiben. Dann hat sie Zeit zum Relaxen, wie sie sagt.
Der Kochkurs selbst ist eine schier endlose Aneinanderreihung von Probieren, Gewuerzen riechen, Brotteig kneten, formen und backen - und vor allem macht es Spass. Nachdem wir zum Schluss all die gezauberten Koestlichkeiten gegessen haben, kann ich mich kaum noch bewegen.
Uebrigens wurde James BOnds Octopussy zu einem sehr kleinen Teil in Udaipur gedreht - der Seepalast dient als Hotel fuer 007 - aber ich finde die Aufnahmen enttaeuschend. Trotzdem, wer will, kann ja mal nachschauen...
Weiter gehts per Nachtbus nach Jodhpur. Ein "Spaziergang" (im Mangel eines passenderen Begriffes muss ich wohl Spaziergang sagen, aber das Laufen in einer groesseren indischen Stadt hat mit dem friedvollen Wandeln zur Entspannung, das das Wort Spaziergang hervorruft, nun wirklich nichts zu tun - viel eher handelt es sich um eine Achterbahnfahrt aus Sinneseindruecken, mit dem allgegenwaertigen Verkehr, der dem unbedarften und an Verkehrsregeln gewohnten Europaer einiges an Konzentration abverlangen kann, um unbescholten davonzukommen, den bunten Basaren, voll von reichverzierten Stoffen, Gewuerzen, Haushaltswaren und so weiter, den Scharen von Menschen, die schon an sich ein Blickfang sind, der Hitze, dem Dreck und Staub und Unmengen an anderen Faktoren.) Ein Spaziergang also, den wir durch die Strassen Jodhpurs auf dem Weg zu dem riesigen Fort machen, laesst mich tief Eintauchen in diesen so vollends faszinierenden Wahnsinn und fuer ein paar Stunden befinde ich mich in einem merkwuerdigen Zustand voelliger Zufriedenheit und innerer Ruhe, waehrend ich das Geschehen um mich herum betrachte - ich fuehle mich so lebendig,euphorisch; das allumfassende und sich so lautstark und farbenfroh manifestierende Leben um mich herum steckt mich an. Selten habe ich mich so wohl gefuehlt, so als sei ich genau am richtigen PLatz. UNd trotz seiner Haveli-gesaeumten Gassen und dem imposanten Fort, das den noch imposanteren Blick auf die allesamt blau gestrichenen Haeuser einzelner Teile Jodhpurs ermoeglicht, ist Jodhpur nun wirklich nicht eine der schoensten Staedte; Teile davon sind sogar unglaublich dreckig und staubig, und manchmal faellt es schwer, in der stickigen, Abgasverseuchten Luft zu atmen.
Genau dieser negative, unschoene Teil ist ploetzlich alles, was mir auffaellt, als wir nach einem langen Tag und wenig Schlaf im BUs unseren Weg zurueck zum Hotel antreten. Auf einmal kostet mich der Verkehr, die Lautstaerke, die Fuelle der Reize, all das, was mich noch vor ein paar Stunden in ein ungeahntes Hoch versetzt hat, unglaublich viel Kraft, und als wir im Hotel ankommen, bin ich heilfroh um die (relative) Ruhe. Auch das ist Indien: Ein kraefteraubendes Konglomerat aus all dem, was es gleichzeitig so spannend und faszinierend macht, wie kein anderes Land. Ein Extrem. Ich habe mich mit einigen Reisenden unterhalten, und wir waren uns einig. Man kann es abgrundtief hassen oder heiss und innig lieben,und manchmal beides kurz hintereinander, aber was bleibt ist die Feststellung: Nichts ist wie Indien. Eins ist es auf jeden Fall - Einzigartig.
Nebenbei bemerkt (fuer diejenigen, die sich nach diesen Beschreibungen immer noch unsicher ueber meine Meinung sind) gehoere ich zu denjenigen, die es lieben. NIcht uneingeschraenkt natuerlich, aber mit einer Faszination, die ich fuer kaum ein anderes Land hege.
Ach so schoen deine Erzaehlungen,... die ich so sehr liebe!
AntwortenLöschen<3
nice ..Where is the post on wedding maren , You promised to write :D ...
AntwortenLöschentake care
hope all is well