Montag, 25. Oktober 2010

Ein bisschen Alltag

Es ist Sonntag, und die Waesche ist fertig und das Zimmer wieder begehbar (fragt sich wie lange noch?). Sysiphos ist hier irgendwie aktiver als sonst wo - zumindest fuehlt es sich so an. Die offenen Gitterwaende, die Feuchtigkeit und die vielen Leute, die ständig ein und aus gehen verhindern es, dass man je fertig ist mit putzen…

Gestern waren wir in Dominical, einem kleinen Ort an der Pazifikkueste: Epische Wellen, die man schon aus der Entfernung tosen hoert und die ihre Gischt auf den Strand tragen, sodass es neblig wirkt. Wildromantisch, die ganze Szenerie, mit Treibholz am Strand, Kokosnuessen unter Palmen und Staenden, an denen geknuepfte Armbaender verkauft werden. Es zieht uns sofort ins Wasser, dass erstaunlicherweise fast badewannenwarm ist. Die Stroemung ist beängstigend stark, sobald man zu weit raus schwimmt, wird man vom Kuestenguard zurückgepfiffen.
Das kleine Haus einer Bekannten, die sich momentan in Europa aufhaelt, soll uns eigentlich als Schlafplatz dienen, doch schnell entdecken wir eine Schar Katzenbabys im Bett, und eine Vogelspinne in der Dusche lindert unseren Drang zu duschen schnell. Wir entscheiden also, doch schon abends zurückzufahren: “hacer ride”, was soviel heisst wie trampen, funktioniert hier super, und ich freue mich jedes mal wieder ob des gesparten Geldes ;) Der Begriff ist außerdem ein gutes Beispiel fuer den grossen Einfluss Amerikas hier in Costa Rica.
Die “Estados Unidos” sind Vorbild und Idol fuer alle - Manche Strassenzuege hier und das ganze Zentrum San Josés koennte Downtown L.A. entnommen sein, nur sind hier, im Gegensatz zu L.A., nicht mehr alle Beschriftungen auf Englisch und Spanisch, sondern nur noch auf Spanisch. Auch das Interesse an Sprache und Leben dort koennte groesser kaum sein. Eine positive Auswirkung ist, dass viele unbedingt Englisch lernen wollen. Aber auch fuer diejenigen, die kein Wort Englisch sprechen, nimmt ein kleines Stueckchen Einzug ins Spanische: Wer “cool” und modern sein will, spricht hier das “r” nicht Spanisch, sondern Englisch aus - wie ich finde ein sehr anschauliches Zeugnis der Amerikanisierung.
Ein nicht kleiner Teil der Bevoelkerung San Isidros ist amerikanisch, oder “Gringo” - ein Gemisch.
Aber auf das ihr nicht den Eindruck bekommt, ich befände mich hier in einem zweiten Amerika: Sobald man nur ein bisschen weiter außerhalb ist, herrscht das typische Stadtbild vor. Bunt angestrichene Haeuschen mit Wellblechdaechern und kleinen, gruenen Gaerten - Natuerlich in unterschiedlichen Ausfuehrungen je nach Wohlstand. Aber mindestens ein klaeffender Hund gehört immer dazu.
Von denen haben wir übrigens auch mehrere; sie begleiten uns wo immer wir hingehen - ob wir nun wollen, oder nicht, zum Beispiel auf dem Weg in die Barrios, die Viertel, wo ein oder zweimal die Woche ein “entrenamiento” stattfindet. Training genannt, ist es eigentlich viel eher Rumtollen, Purzelbaeume machen etc. Die Kinder sind ganz unterschiedlich alt. Von ca. 3 bis 12 ist alles dabei. Zum Grossteil sind es Kinder aus den benachteiligten Vierteln, wo es an Freizeitangeboten, Sicherheit und natürlich Geld mangelt. Man merkt, wie sehr sich die Kindern über die Aufmerksamkeit freuen - Viele kommen aus Familien, in denen die Eltern Alkoholiker sind, Alleinerziehend und Arbeitend oder einfach sehr jung und überfordert. Stabile Familien und Lebensverhaeltnisse sind selten, deshalb tut es sichtbar gut, einmal die Woche eine regelmaessige Beschaeftigung zu haben, bei denen alle Aufmerksamkeit ihnen gehört - ein Event ganz fuer sie. Besonders die Maedchen schenken uns Voluntarierinnen schon ab der ersten Minute ihr ganzes Vertrauen, schmusen sich an uns und beanspruchen die ungeteilte Aufmerksamkeit. Die leuchtenden Augen und das Lachen, wenn man mit ihnen den Flieger macht oder sie Huckepack nimmt und Pferdchen spielt sind die Busfahrt samt Material - Matten, Rucksaecke mit Baellen etc. - wert.
Eine etwa 20-minuetige Busfahrt kostet hier übrigens höchstens 200 colones. Das entspricht ca. 0,30 €. Auch mieten kann man hier billig: Ein Haus mit 4-5 Zimmern und Garten kriegt man fuer 50000-100000 colones im Monat, das sind 80-160 €. Und im Restaurant bekommt man einen Teller Pinto mit Kaese fuer etwa 1,50 €.
Schaut man dagegen im Supermarkt auch ab von Reis und Bohnen mal ins Sortiment, kriegt man grosse Augen: Besonders Milchprodukte und bestimmte Gemuesesorten sind hier fast so teuer wie in Europa, Getraenke ebenso. Wir Kaese und Milchesser muessen uns wohl oder uebel ein wenig einschraenken. Die “caja”- unsere Gemeinschaftskasse - ist trotzdem immer leer. Man kann sich leicht vorstellen, dass einkaufen, kochen´und putzen fuer die neun Leute, die hier gemeinsam wohnen, eine Aufgabe fuer sich sind, und eine endlose noch dazu.

Euch faellt vielleicht auf, dass in meinen bisherigen Beschreibungen die Arbeit im Projekt einen eher kleinen Teil einnimmt - nicht umsonst. Im ganzen WG-Leben mit Parties, Ausfluegen, auch mal Faulenzen, Quatschen und den taeglichen Besorgungen scheint die Arbeit manchmal nichtig klein. Das liegt auch daran, dass es zu viele Freiwillige (um die 20!) fuer zu wenige Projekte bzw. Kinder gibt, was dazu fuehrt, dass ein manches Mal abgewechselt werden muss - und wieder ein Tag frei ist.
Und neue Projekte zu gruenden, sei es z.B. ein Englischkurs, ein neues Training in einem Barrio oder ein was einem sonst noch so einfallen koennte, ist schwierig, wenn man nur fuer so kurze Zeit bleibt wie wir.
Trotzdem macht die Arbeit wirklich Spass. Ausser den schon oben beschriebenen entrenamientos in den Barrios gibt es mehrmals die Woche Schwimmen mit Behinderten Kindern, ein paar Stunden Zirkus u.ä. in Waisenhaeusern, ein Training mit Gefaengnisinsassen und einiges mehr. Leider war ich zum Beispiel noch nicht im Gefaengnis, weil auch dort ein Ueberschuss an Freiwilligen herrscht - bezeichnend.

Letztes Wochenende hatten wir ein campamiento, ein Camp, mit allen Freiwilligen im etwa eine Stunden entfernten Longo Mai. Ein Dorf, das Teil einer Kooperativen ist, die es überall auf der Welt gibt und  in dem zumindest annähernd selbstversorgend gelebt wird. Sehr interessant, aber leider hab ich noch nicht allzu viel Einblick in das Leben dort haben koennen. Es besteht aber die Moeglichkeit, dort fuer ein paar Wochen in einer Gastfamilie zu leben, bei Feldarbeit zu helfen und ein bisschen die Kultur kennenzulernen - wie ich finde sehr reizvoll, ich plane schon meinen Aufenthalt dort. J Der kleine Haken: Die Gastfamilien kriegen Geld, um zusaetzliches Essen etc bezahlen zu koennen - 6000 colones, also etwa 10 € pro Nacht/Tag…
Wichtig waer es mir aber schon, mal ein bisschen mehr Einblick in die Costa Ricanische Kultur zu kriegen. So schoen es auch ist, mit Deutschen, Oesterreichern und Schweizern zusammenzuwohnen - alles sehr interessante und coole Leute - fuehl ich mich doch irgendwie ein bisschen wie in einer europaeischen Blase mit wenig Costa Rica involviert, vom Spanisch gar nicht zu reden.

Zuletzt noch eine kleine Anekdote aus unserem Freizeitprogramm. Sonntag vor zwei Wochen, ein sehr heisser, schwueler Tag, sollte zu einem kleinen, abkuehlenden Ausflug zum Fluss genutzt werden. Es war die Rede von 10 Minuten Busfahrt und einem kaum nennenswerten Fussweg zu der anvisierten Stelle am Fluss.
Dummerweise stellte sich schnell heraus, dass der Bus erst in einer halben Stunde wieder fahren wuerde. Nach lateinamerikanischer Zeitrechnung nicht viel, also bleiben wir und vertreiben uns die Zeit mit Tagtraeumen vom kuehlen Nass. Eine Dreiviertelstunde spaeter steigen wir aus dem Bus. Was sofort auffaellt: Weit und breit ist kein Fluss zu sehen. Wir fragen nach, und erfahren, dass unser Ziel nur etwa 10 Minuten Marsch entfernt sein soll, die gesuchte Stelle sei dann “ahorita” erreicht. Wir werden schon misstrauisch - dieses Wort kann alles von jetzt bis in zwei Stunden bedeuten. Und unsere Skepsis ist berechtigt. Anderthalb Stunden und etliche Paare matschiger, zerstochener Fuesse spaeter erreichen wir endlich den ersehnten Fluss - nachdem wir in das Tal runtergelaufen und durch Stacheldrahtzaun begrenzte Kuhweiden gelaufen waren. Alle Anstrengung ist vergessen, sobald wir das Wasser sehen, kühl und tuerkis. Wir verlieren keine Zeit und springen sofort hinein.
Ploetzlich faellt auf: Es stinkt, ein suesslicher, durchdringender Gestank, der nichts Gutes verspricht. Und tatsächlich, der Blick um die Flussbiegung herum offenbart Den Ursprung - der Kadaver einer Kuh liegt am Ufer, aufgblaeht und verwesend, und leider auch halb im Wasser. Die Aasgeier kreisen schon darüber. Unsere Freude über das so “schoene” Wasser vergeht  schnell. Wir sind ein wenig besorgt um unsere Gesundheit - verständlicherweise. Aber einmal drin, ist es zu spaet irgendetwas zu machen. Unsere Loesung: Wir schwimmen einfach weiter ;)
Uns packt die Lust, flussabwärts zu schwimmen und dort den Rest, der schon vorgegangen ist, wieder zu treffen. Was sich in unseren Koepfen anfänglich so einfach und entspannt gestaltet, ist in Wirklichkeit natürlich ein anderes Szenario: Die Stroemung ist teils ausgesprochen heftig, und auch die Steine im Flussbett, über die das Wasser häufig nur 20 oder 30 cm hoch laeuft, erschweren die Sache noch zusätzlich - heisst konkret: Ein grosser Spass! Involviert eine ordentliche Portion an Andrenalin, sobald man mal die Kontrolle verliert und vom Wasser bis zum naechsten Stein mitgerissen wird. Ein bisschen wahnsinnig, zugegeben, und alles andere als ungefährlich, aber ein Abenteuer, und ein lohnendes noch dazu.
Die Kuh und ihre Verwesungsgase und -gifte haben übrigens keine Spuren hinterlassen, zumindest noch nicht…. 

Dienstag, 5. Oktober 2010

Costa Rica - Pura Vida?

Angekommen auf dem Flughafen in San José, treffen wir nach ein paar Stunden Wartezeit Alexandra - Wienerin, lange, blonde Dreads, etwa 24 und mit beneidenswerten Spanisch - eine der Hauptverantwortlichen fuer das Projekt. Mit ihr fahren wir zu einem ihrer Freunde in einem VOrort von San JOsé. Natuerlich ist der Preis fuer das Taxi Verhandlungssache ;) Was auf der Fahrt sofort auffaellt: Alles ist unglaublich gruen - definitiv eine der positiven Auswirkungen des alltaeglichen Regens. Natuerlich regnet es auch jetzt. Meist ist es bis mittags warm, eine stehende, schwuele Hitze, und dann der Regen: Es schuettet heftig, haeufig mit Gewittern verbunden, aber niemand scheint das ueberhaupt noch zu bemerken. Einmal am Tag nass werden ist normal, und erstaunlicherweise stoert es mich nicht. Es ist erfrischend und nicht zu kalt. Trocknen wiederum ist schwieriger...

Kaum bei CHristiano, Alex Freund, angekommen, bekomen wir unsere mangelnden Spanischkenntnisse zu spueren: Wir verstehen nicht genug, um mitreden zu koennen - selbst wenn wir mutig genug zu groesseren Beitraegen waeren.
Am naechsten morgen entschliessen wir spontan und in einem Anfall offensichtlichen Wahnsinns, entscheiden wir, die etwa 4 STunden BUsfahrt zur Karibikkueste aufzunehmen, um dort STrand und Meer und die Reggae Partys zu geniessen. Schon die BUsfahrt ist spannend: Wir fahren auf einer STrasse, die durch den Urwald fuehrt - es ist atemberaubend.
Abends kommen wir an, essen Pinto, Reis und BOhnen, das Costa Ricanische STandardgericht und beeilen uns, an dem traumhaften Karibikstrand zu kommen, der sogar im Dunkeln TRaeume wahr werden laesst. Das Wasser ist warm und weich.
Der Reggae und ein bisschen Cuba LIbre -  natuerlich! - tun das ihre, und nachher legen wir uns an den STrand, um noch ein par STunden zu schlafen - bis es regnet, und wir auf ein paar ueberdachte Holzdielen ausweichen, bis unser BUs um halb 8 faehrt. Ungeduscht und muede steigen wir in den Bus, um zurueck nach San JOsé zu fahren - verrueckt, ein Abenteuer, aber ein lohnendes! :)
Fuer den BUs bezahlen wir uebrigens fuer die gesamte STrecke etwa 4500 colones, 7 €. Trotzdem trampen wir auf dem HInweg, es macht Spass, die "Ticos" sind amables und lustig und lassen uns zu fuenft mitfahren, zum teil im KOfferraum.

Wieder in San José gehen wir auf eine Veranstaltung des Auswaertigen Amtes, eine Art DEutsch-Costa Ricanische Austauschfeier mit Bratwurst, deutschem Bier und Marmelade - ein komisches Gefuehl.
Spaeter treten dort auch die KInder des Preojektes mit ihrem Zirkus auf. DEr Circo Fantazztico macht seinem Namen alles Ehre. Es sind etwa 15 KInder zwischen 10 und 18 Jahren, die aus den benachteiligsten VIerteln von San Isidro (etwa drei Stunden suedlich von San José) stammen und seit eineigen Jahren bei VIda NUeva Zirkus machen, inklusive Europatouren. Sie sind eine aufgeschlossene Gruppe, selbstbewusst und mit viel Zusammenhalt. Sie sind es gewohnt, die vielen deutschen, oesterreichischen und schweizerischen Volontarier, wir werden mit "Hallo" und "Wie gehts dir?" begruesst.

Endlich in San Isidro, dem STandort des Projektes, kommen wir im Comedor unter - das Gemeinschaftshaus des Vereins. Es begruessen uns viele Freiwillige, und wir finden eine Matratze in einem zur Zeit bis auf eine Volontarierin unbeowhntes Zimmer. GLeich neben der Matratze zeigt sich die erste Kakerlake, und wir hoeren von Muecken und vor allem Floehen. Aber niemand laesst sich davon stoeren. Es sind eben Dinge, die zu dem Leben hier dazugehoeren.
Es gibt ein Gemeinschaftsbad mit kalter Dusche - brrr :) Also verschieben wir die Dusche auf den waermerenMorgen. Die drei Hunde und zwei Welpen gehoeren offenbar zum Inventar im Gemeinschaftsraum, auch wenn sie nur zu haeufig rausgeworfen werden. Schliesslich will man mehr Floehe vermeiden. DEr Gemeinschaftsraum hat keine Glasfenster, nur grossmaschige, bunte Gitterstaebe. Sowieso ist alles sehr bunt - hunderte von Freiwilligen haben sich an den Waenden kuenstlerisch kreativ verewigt.
Die Stimmung ist gut, alle kennen sich schon. Allerdings wird natuerlich - und leider - deutsch gesprochen. Auf der einen Seite sind wir erleichtert, endlich wieder mitreden zu koennen. Trotzdem verabschiede ich mich etwas wehen Herzens von zukuenftigen besseren Spanischkenntnissen. Aber wie es scheint, taeusche ich mich doch: Der Kontakt mit den TIcos und den wenigen HIspanischen Freiwilligen wird wenigstens etwas bringen.

Die Reunión aller Freiwilligen, eine Art woechentliche Zusammenkunft, zeigt: Es findet viel statt, aber viel bedarf besserer Organisation und mehr Hartnaeckigkeit, was auch dadurch bedingt ist, dass Alexandra und eine weitere wichtige Volonatierin, die letzten Monate in DEutschland bzw Oesterreich waren. Es wird also wahrscheinlioch besser werden. Wir lassen uns ueberraschen und schauen uns einfach alles an - wer weiss, was wir letzlich tun werden. Es verspricht aber, spannend zu werden.