Siem Reap ist eine erstaunlich gute Mischung aus alten franzoesischen Kolonialbauten und dem so typischen charmanten Asia-Chaos: Zwischen den langsam zerfallenden Villen, entlang der meist von grossen Baeumen gesaeumten Alleen, verkehren hunderte von Fahrraedern, Motorrollern, gelegentlich ein Auto, augenscheinlich voellig unter MIssachtung jeglicher Verkehrsregeln, es gibt Staende mit Essen und der Markt wimmelt nur so von Leben: Frauen sitzen auf dem Gang auf dem Boden und verkaufen den Fisch, den sie gerade ausgenommen haben und unterhalten sich angeregt.
Als wir kurz Pause machen in dem schoenen Royal Park, auf dessen Wiesen man leider nicht liegen darf, treffen wir zufaellig auf Weha. Der Kambodschaner, selbst Waise, leitet ein Waisenhaus in einem kleinen Dorf etwa eine Stunde von Siem Reap. Er zeigt uns Photos und erzaehlt, dass man sich das Projekt gern auch mal angucken kann, weill immer Voluntarier gesucht werden, die ein bisschen Englisch unterrichten. Spontan entschieden wir, am uebernaechsten Tag fuer ein paar Tage dorthin zu fahren, unter anderem, um das kambodschanische Leben auf dem Land ein bisschen kennenzulernen.
Aber am naechsten Tag ist es erstmal Zeit fuer ein bisschen Kultur, auf dem Plan steht Angkor Wat (mal das achte, mal das siebte Weltwunder genannt, wer weiss...). Wir mieten uns Fahrraeder, oder vielmehr Drahtesel, und radeln (ja, radeln ist genau das richtige Wort) dem Sonnenaufgang entgegen - man tut so einiges um den Touristenmassen zu entgehen, diese schlimmen Touristen immer aehhmm ;) - und erreichen bald die alten Tempel. Wir sind beeindruckt; von der schieren Groesse, die man zuerst gar nicht wahrnimmt, weil alles so konstruiert ist, dass es von weitem fast zweidimensional wirkt; von den Bildern, die in den Stein gemeisselt sind, es gibt Taenzerinnen, Kriegszenen und Bilder aus dem damaligen Alltag, und vieles sieht aus, als sei es tatsaechlich erst gestern entstanden, so gut erhalten ist es; von den Tuermen, die bis ins letzte Detail mit filigranen Ornamenten verziert sind; von den riesigen Gesichtern, die aus grossen Rechteckigen Felsen zusammengesetzt sind und laechelnd aus unterschiedlichen Richtungen auf den Betrachter blicken. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viel Arbeit und wie lang die Errichtung der dutzenden Tempel gebraucht haben muss.
Wir verbringen den Tag damit, von Tempel zu Tempel zu radeln, immer wieder aufs Neue beeindruckt. Manche von ihnen hat sich der Urwald zum Teil wieder zurueckeroebert. Riesige Baeume schlingen ihre starken Wurzeln um Tore und Mauern der Tempel, zerstoeren, was nicht geschuetzt wird. Und anders als gedacht, sind wenige Touristen unterwegs, und so haben wir manche Tempel fast fuer uns (man stelle sich einen beliebigen Tag bei etwa vergleichbaren europaeischen Bauwerken vor...).
Bei einer Pause und ein bisschen was zu essen werden wir das erste Mal mit bettelnden Kindern konfrontiert. Sie verkaufen (wertlose) Armbaender und erklaeren in perfektem Alltagsenglisch (Wher' you from?), worum es geht. Es ist nicht leicht, damit umzugehen. Einerseits will man nicht unterstuetzen, dass sie ihre Tage damit verbringen, anstatt zur Schule zu gehen. Aber wenn sie dich mit ihren grossen Augen angucken und sagen, sie haetten nicht genug Geld um zur Schule zu gehen, kann man kaum noch nein sagen, was sie natuerlich merken und nur noch eindringlicher werden.... Wir sind mittlerweile um einige Armbaender reicher und einige Dollars aermer, ein paar mal kaufen wir ihnen eine Portion gebratenen Reis und sie stuerzen sich mit Feuereifer darauf und schlingen es hinunter.
Am naechsten Tag werden wir von Weha, dem Leiter des Waisenhauses, und einem kambodschanischen Studenten, der dort auch unterrichtet abgeholt, sitzen bei ihnen hinten auf dem Motorroller und fahren aus der Stadt raus. Bald biegen wir von der Strasse auf einen Feldweg ab und folgen ihm entlang der vielen Doerfer. Nur etwa eine Stunde weg von der Stadt, haben wir doch das Gefuehl, in einer anderen Welt gelandet zu sein. Die Haeuser erstrecken sich in langen Reihen entlnag des Weges. Hier lebt man ausschliesslich von Landwirtschaft, es wird natuerlich vor allem Reis angebaut. Die Haeuser , in die ich mich unsterblich verliebt habe (ich habe schon die ein oder andere Busfahrt damit verbracht, meine ganz persoenliche Version eines solchen Hauses imaginaer zu erstellen), sind auf Stelzen gebaut. Das Leben spielt sich groesstenteils im schattenspendenden Bereich unter den Stelzen ab, es gibt Haengematten und kleine Plattformen, auf denen gegessen wird. Tatsaechlich ist es im Fall der Familie, die uns fuer ein paar Tage aufnimmt, sogar so, dass sie, trotz des verhaeltnismaessig grossen Innenraumes, kaum je einen Fuss nach drinnen setzen, es wird sogar draussen geschlafen, und das Bett im Haus bleibt leer.
Wir schlafen in einem kleinen Einzelbett in der ersten Etage und sind auch die einzigen, die dort ein bisschen Zeit verbringen.
Es gibt sogar ein Badezimmer: Aus einem grossen Tonkrug wird mit kleinen Toepfen Wasser geschoepft, das aus dem Brunnen draussen ueber einen Schlauch dort reingepumpt wird. Natuerlich gibt es (allerdings wie ueberall sonst in Asien) kein Klopapier, es wird sich mit Wasser und Haenden gewaschen, nachdem man ueber dem kleinen Loch sein Geschaeft verrcihtet hat.
Ein solches Bad an sich existiert aber nur in den wenigsten Haeusern, meistens waescht man sich draussen, wo einer dieser riesigen Tonkruege neben dem Brunnen steht (also behaelt man zu allen Zeiten zumindest einen Sarong an, auch beim "duschen").
Elektrizitaet gibt es nicht, es ist wirklich erstaunlich, wie sehr man daran gewohnt ist, dass man zu allen Zeiten alles machen kann - lesen, auf Toilette gehen etc. - alles dies, was ohen Licht schwierig oder unmoeglich ist.
Nachdem wir angekommen sind, machen wir einen kleinen Spaziergang mit ein paar der Kinder durch das Dorf, zwischen Palmen, Heuhaufen und Kuehen und Schweinen, die direkt neben den Haeusern umherlaufen oder angeleint sind, werden wir bei jedem Haus freudig, mal schuechtern, mal lauthals, auf englisch begruesst. Von allen Seiten schallt es vor allem von den Kindern "Hello, what's your name?" und dann, bei Rueckfrage von uns, ganz korrekt und nach Lehrbuch "My name is..." oder "I am fine." Ohne FRage sind sie mehr als enthusiastisch, ihr Englisch zu benutzen und freuen sich daruber, dass wir da sind. Und auch die Aelteren zeigen uns mit herzlichem Laecheln, dass wir willkommen sind. Ich glaube, sie sind froh, dass wir uns fuer ihr Leben interessieren, ab vom allgegenwaertigen Stolz des Landes, Angkor.
In den folgenden zwei Tagen vollziehen wir ungefaehr 200 dieser kleinen Begruessungszeremonien auf Englisch, bei jedem Weg hin und zurueck von der Schule.
Herum um die sehr einfache Schule, bestehend aus einem Holzhaus mit PLastikstuehlen und einer Tafel, wohnen ca. 60 Waisenkinder. Fast alle von ihnen haben ihre Eltern an Landminen verloren, die noch immer ueberall im Land verstreut sind.
Zweimal am Tag haben die Kinder Englischunterricht, und an der Khmerschule ein paar Kilometer weiter lernen sie alles andere.
Der Unterrciht ist nicht leicht. Das Material ist mehr als duerftig, die Kinder sind auf voellig unterschiedlichen Niveaus, und natuerlich kann man schlecht englische Woerter auf englisch erklaeren. Es hilft auch nicht, dass der eigentliche Lehrer ein Englischstudent ist, dessen englisch duerftig ist und der dazu neigt, den Kindern alles vorzusagen. Aber der Enthusiasmus der Kinder ist ermutigend.
Bei einer der langen Pausen zwischen den Unterrichtseinheiten kommt uns in den Sinn, den Einheimischen dabei zu helfen, Holzstoecke anzuspitzen. Was uns nicht klar ist, ist dass sie nur zwei Aexte haben und wir ihnen damit quasi die Arbeit wegnehmen. So stehen sie daneben und gucken uns lachend zu, eine skurrile Situation. Uns ist ausserdem nicht klar, wie anstrengend und aunspruchsvoll die ganze Sache ist. Immer wieder muessen sie uns zeigen, wie man es am besten anstellt, und wir brauchen natuerlich dreimal so lang wie sie. Wir muessen uber uns verweichlichten Stadtmenschen lachen, und sie lachen uns fuer unsere Ungeschicktheit freundschaftlich aus. Nach nur 15 Minuten muessen wir aufhoeren - wir haben riesige Blasen an den Haenden.
Nach drei Tagen fahren wir zurueck nach Siem Reap und machen uns auf den Weg nach Battambang, auf eine 9-stuendige atemberaubende Bootsfahrt vorbei an den sogenannten Floating Villages. Das sind ganze Doerfer, mitsamt Schulen und Gemeindehaus, die auf dem See schwimmen. Es gibt Boote, die als Taxis dienen, und andere sind zu kleinen schwimmenden Laeden umfunktionert, die bei Bedarf die Haeuser anfahren. Natuerlich lebt man hier von der Fischerei. UNd auch sonst versorgt der See bzw. Fluss die Leute mit so ziemlich allem anderen, was man so braucht: Es wird darin abgewaschen, dient als Badewanne und gleichzeitig PLanschbecken fuer die Kinder, ist Transportmittel, und es waechst sogar ein gewisses Kraut darauf, dass als Gemuese gegessen wird. Ein Leben, dass sich zu 100% auf dem Wasser abspielt. Fuer mich unglaublich schwer vorzustellen (in meinem Kopf schreit es schon Klaustrophobie wenn ich mir diese im Schnitt 20 schwimmenden Quadratmeter nur anschaue), aber eine der faszinierendsten und schoensten Sachen, die ich je gesehen habe.
Es werden uebrigens auch Schweine dort gehalten, auf einem eigenen Floss schwimmen sie ein paar Meter vom Haus entfernt umher - ein denkbar bizarrer Anblick.
In Phnomh Penh mit seinen Alleen von rosa und weiss bluehenden Baeumen(alles eine Sache des Timings) und dem lebhaften Geschehen darunter in dem gewohnten kambodschanisch-franzoesischen Charme nehmen wir uns Zeit fuer das wahrhaft bedrueckende Genozidmuseum - hier nimmt man nicht so taktvoll ruecksicht auf Verbliebene und Besucher wie in Europa, sondern zeigt ohne Gnade Photos von Hunderten und Hunderten durch die Khmer Rouge getoeteten und gefolterten Menschen und ihren Leichen.
Kambodscha hat es wirklich in sich, und wir sind heilfroh, es spontan mit in unsere Route aufgenommen zu haben. Defintiv einer meiner Lieblingsstops.
I like, I like :)
AntwortenLöschenwieder einmal fasziniert von deinen Beschreibungen und Kambodscha wird definitiv aufgenommen in die Liste sehenswerter Länder...nur ohne Klopapier könnte ich definitiv nicht leben ;D
AntwortenLöschenbisous