Mittwoch, 1. Dezember 2010

Neue Blickwinkel

Freitagmorgen, und es soll endlich losgehen in den Urlaub. Zu viert machen wir uns auf, der Plan: Von San Isidro bis an die Grenze zu Nicaragua trampen – also einmal fast ganz Costa Rica durchqueren. Kaum an der Strasse, werden wir sofort von einem Amerikaner, einem „Gringo“ mitgenommen, der auf der Suche nach billigem Grund und Boden durch Costa Rica faehrt, um es sich leisten zu koennen, frueh in Rente zu gehen. Er gehoert damit zu etlichen anderen Amerikanern, die sich Costa Rica wegen der billigeren Lebenshaltungskosten und trotzdem recht westlichen Kultur und Infrastruktur als Alterswohnsitz aussuchen.
Fuer den Rest der Strecke nach San Jose und weiter Richtung Norden teilen wir uns auf, und jeweils zu zweit geht es nach nur wenigen Minuten weiter, in unterschiedlich grossen Teilstrecken, mal mit 60, mal nur mit 35, aber eins bleibt gleich: Es sind immer die Trucker, die anhalten und uns mitnehmen, einer auf dem Beifahrersitz, der andere auf dem Bett dahinter. Die Fahrt dauert lange, denn die Trucks sind langsam, aber dafuer bekommt man viel mit bei halb geschrienen Unterhaltungen zwischen Fahrtwind und Kauderwelsch. Es macht Spass, mit den Leuten zu reden, sie erzaehlen viel von ihrem Beruf und sind neugierig auf unsere Plaene. Von unserem Ziel Nicaragua halten einige nicht viel. Es scheint, als behalte der Reisefuehrer Recht, wenn es um die gegenseitige Abneigung der beiden Laender geht.
Als wir aus einem Truck aussteigen, verschwindet der Fahrer kurz – und kommt mit zwei Ananas aus der Ladung wieder. Zusaetzlich zu der kostenlosen Fahrt kriegen wir jetzt auch noch Geschenke. Langsam gehen uns die Dankesformeln aus 
Nach einer Nacht in Liberia gehts frueh weiter, wieder in zwei Trucks. Beobachtet man die vorbeiziehende Landschaft aus dem Fenster, kann man kaum glauben, dass diese mal Savannenartige, mal fast mediterrane Landschaft nur 300 km von den feuchten, nebligen Regenwaeldern aus Sued Costa Rica enfernt ist. Es ist heiss und trocken, und wir koennen unser Glueck kaum fassen, endlich dem Regenwetter entkommen zu sein.
In der kilometerlangen LKW-Schlange vor der Grenze treffen wir uns wieder. Die drei oder vier Kilometer zur Grenze laufen wir, aber nicht ohne vorher noch bei dem ein oder anderen Fahrer ein Paeuschen einzulegen. Viele von ihnen haben Haengematten unter die Anhaenger gehaengt. Dort im Schatten und einer kleinen Brise laesst es sich gut aushalten.
Die Grenze ist eine ziemlich chaotische Ansammlung von Gebaeuden und Staub, und bis wir den nicaraguanischen Stempel endlich haben, vergehen einige Stunden.
Kaum ein paar hundert Meter fuehlen wir uns zum ersten Mal, als waeren wir wirklich in Lateinamerika. Zwischen den schreienden und rufenden Busfahrern, die wie eine haengengebliebene Schallplatte immer und immer wieder den Namen der Staedte bruellen und uns in die Busse winken, versuchen wir herauszufinden, welchen Bus und zu welchem Preis sich zu nehmen lohnt. Diese lebendige Lautstaerke sind wir aus Costa Rica nicht gewohnt, aber sie passt zu den Bildern, den Vorstellungen, die wir von Zentral- und Suedamerika im Kopf haben. Es gefaellt uns, dieses chaotische, bunte, laute und lebenslustige Treiben, weil es so viel authentischer erscheint, weil es einfach hierher passt. Aber vielleicht ist das auch nur das, was wir Europaer sehen wollen, wenn wir in diesem Teil der Welt sind…
In Granada angekommen, sind wir sofort ziemlich beeindruckt. Es ist eine alte Kolonialstadt durch und durch, mit bunten Hauswaenden und hohen, breiten Tueren, durch die man durch die langen, hohen Raeume in traumhafte gruene Hinterhoefe hineinsehen kann.
Hier ist das meiste mit viel Geld renoviert worden, von Nicaraguas Armut ist nicht viel zu sehen. Anders in Masaya, unserem naechsten Ziel. Die Muellberge in den Fluessen und an Strassenraendern, die vielen Armenviertel und die Information, die wir von einem anderen Freiwilligen kriegen, naemlich dass hier 60% der Einwohner arbeitslos sind, sprechen fuer sich. Trotzdem ist es eine angenehme Stadt, weil sie so unangestrengt authentisch ist. Auch hier tragen viele Frauen noch die traditionellen weissen Schuerzen mit bunten Spitzen. Aber was uns am meisten begeistert, ist der riesige, taegliche Markt am Rande der Stadt. Nicht jener, der offenbar einzig fuer die Touristen gemacht ist und auf dem man kaum eine Menschenseele sieht ausser den gelangweilten Verkaeufern. Nein, der Markt, auf dem die Einheimischen – die Nicos und NIcas – ihre taeglichen Einkaeufe erledigen.
Fast drei Stunden laufen wir durch den Markt, lassen uns treiben, und trotzdem bin ich mir sicher, noch immer nicht den groessten Teil gesehen zu haben. Von Reis in verschiedenen Preis- und Qualitaetsklassen ueber verschiedenste Sorten von roten, schwarzen und weissen Bohnen ueber jegliche Arten von Fruechten und Gewuerzen, Gemuese, Baumaterialien, Artesania, Kuechenmaterialien und Suessigkeiten gibt es alles. Vor allem der Fleisch- und Fischsektor ist ein sehr sinnliches Erlebnis und treibt uns ganz schnell in weniger geruchsintensive Gefilde. Natuerlich verbringen wir den groessten Teil unserer Zeit in der Artesania Ecke. Alles ist ein kunterbuntes Ganzes aus Taschen und Haengematten in farbenfrohen Mustern, die von der Decke und an den Seiten der Gaenge haengen; es gibt Armbaender und Ohrringe en masses, und die Portemonnaies aus schoenem Leder haben es uns besonders angetan.
Viel zu schnell vergeht die Woche Urlaub, und wir sind alle etwas gedrueckt, schon wieder zurueck ins ihre Hilfsbereitschaft. Wir werden von einem arbeitslosen kalte und nasse San Isidro fahren zu muessen, zumal uns Nicaragua so gut gefallen hat, viel besser als Costa Rica.
Aber das naechste Wochenende verbringen wir in San Jose, und mal wieder aendert sich das Bild dieser Stadt. Schoen ist sie immernoch nicht, aber wir stellen fest, dass es eine Menge sehr cooler Leute gibt. Wir feiern auf den Strassen, es wird Gitarre gespielt und gesungen, spaeter kommt sogar eine Trompete dazu. Es sind Ticos dort, und Leute aus Venezuela, Japan, natuerlich wir Deutschen und Oesterreicher, und jeder unterhaelt sich mit jedem.
Es ist eine Superstimmung.


3 Kommentare:

  1. marzenna Maria Dabrowski05.12.10, 03:05

    .... Wunderschoen erzaehlt.
    ...wie ein Filmszenarium.
    Schoene Gruesse
    Mutter v. Bettina

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  2. ...wie sieht bei euch Weihnachten und Neujahr aus?
    Wir haben jetzt einen chilenische Austauschschüerlin und man glaubt es kaum, ich übe Spansich!
    Eine Runde Grüße über den großen Teich! Amelie

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