Es ist Sonntag, und die Waesche ist fertig und das Zimmer wieder begehbar (fragt sich wie lange noch?). Sysiphos ist hier irgendwie aktiver als sonst wo - zumindest fuehlt es sich so an. Die offenen Gitterwaende, die Feuchtigkeit und die vielen Leute, die ständig ein und aus gehen verhindern es, dass man je fertig ist mit putzen…
Gestern waren wir in Dominical, einem kleinen Ort an der Pazifikkueste: Epische Wellen, die man schon aus der Entfernung tosen hoert und die ihre Gischt auf den Strand tragen, sodass es neblig wirkt. Wildromantisch, die ganze Szenerie, mit Treibholz am Strand, Kokosnuessen unter Palmen und Staenden, an denen geknuepfte Armbaender verkauft werden. Es zieht uns sofort ins Wasser, dass erstaunlicherweise fast badewannenwarm ist. Die Stroemung ist beängstigend stark, sobald man zu weit raus schwimmt, wird man vom Kuestenguard zurückgepfiffen.
Das kleine Haus einer Bekannten, die sich momentan in Europa aufhaelt, soll uns eigentlich als Schlafplatz dienen, doch schnell entdecken wir eine Schar Katzenbabys im Bett, und eine Vogelspinne in der Dusche lindert unseren Drang zu duschen schnell. Wir entscheiden also, doch schon abends zurückzufahren: “hacer ride”, was soviel heisst wie trampen, funktioniert hier super, und ich freue mich jedes mal wieder ob des gesparten Geldes ;) Der Begriff ist außerdem ein gutes Beispiel fuer den grossen Einfluss Amerikas hier in Costa Rica.
Die “Estados Unidos” sind Vorbild und Idol fuer alle - Manche Strassenzuege hier und das ganze Zentrum San Josés koennte Downtown L.A. entnommen sein, nur sind hier, im Gegensatz zu L.A., nicht mehr alle Beschriftungen auf Englisch und Spanisch, sondern nur noch auf Spanisch. Auch das Interesse an Sprache und Leben dort koennte groesser kaum sein. Eine positive Auswirkung ist, dass viele unbedingt Englisch lernen wollen. Aber auch fuer diejenigen, die kein Wort Englisch sprechen, nimmt ein kleines Stueckchen Einzug ins Spanische: Wer “cool” und modern sein will, spricht hier das “r” nicht Spanisch, sondern Englisch aus - wie ich finde ein sehr anschauliches Zeugnis der Amerikanisierung.
Ein nicht kleiner Teil der Bevoelkerung San Isidros ist amerikanisch, oder “Gringo” - ein Gemisch.
Aber auf das ihr nicht den Eindruck bekommt, ich befände mich hier in einem zweiten Amerika: Sobald man nur ein bisschen weiter außerhalb ist, herrscht das typische Stadtbild vor. Bunt angestrichene Haeuschen mit Wellblechdaechern und kleinen, gruenen Gaerten - Natuerlich in unterschiedlichen Ausfuehrungen je nach Wohlstand. Aber mindestens ein klaeffender Hund gehört immer dazu.
Von denen haben wir übrigens auch mehrere; sie begleiten uns wo immer wir hingehen - ob wir nun wollen, oder nicht, zum Beispiel auf dem Weg in die Barrios, die Viertel, wo ein oder zweimal die Woche ein “entrenamiento” stattfindet. Training genannt, ist es eigentlich viel eher Rumtollen, Purzelbaeume machen etc. Die Kinder sind ganz unterschiedlich alt. Von ca. 3 bis 12 ist alles dabei. Zum Grossteil sind es Kinder aus den benachteiligten Vierteln, wo es an Freizeitangeboten, Sicherheit und natürlich Geld mangelt. Man merkt, wie sehr sich die Kindern über die Aufmerksamkeit freuen - Viele kommen aus Familien, in denen die Eltern Alkoholiker sind, Alleinerziehend und Arbeitend oder einfach sehr jung und überfordert. Stabile Familien und Lebensverhaeltnisse sind selten, deshalb tut es sichtbar gut, einmal die Woche eine regelmaessige Beschaeftigung zu haben, bei denen alle Aufmerksamkeit ihnen gehört - ein Event ganz fuer sie. Besonders die Maedchen schenken uns Voluntarierinnen schon ab der ersten Minute ihr ganzes Vertrauen, schmusen sich an uns und beanspruchen die ungeteilte Aufmerksamkeit. Die leuchtenden Augen und das Lachen, wenn man mit ihnen den Flieger macht oder sie Huckepack nimmt und Pferdchen spielt sind die Busfahrt samt Material - Matten, Rucksaecke mit Baellen etc. - wert.
Eine etwa 20-minuetige Busfahrt kostet hier übrigens höchstens 200 colones. Das entspricht ca. 0,30 €. Auch mieten kann man hier billig: Ein Haus mit 4-5 Zimmern und Garten kriegt man fuer 50000-100000 colones im Monat, das sind 80-160 €. Und im Restaurant bekommt man einen Teller Pinto mit Kaese fuer etwa 1,50 €.
Schaut man dagegen im Supermarkt auch ab von Reis und Bohnen mal ins Sortiment, kriegt man grosse Augen: Besonders Milchprodukte und bestimmte Gemuesesorten sind hier fast so teuer wie in Europa, Getraenke ebenso. Wir Kaese und Milchesser muessen uns wohl oder uebel ein wenig einschraenken. Die “caja”- unsere Gemeinschaftskasse - ist trotzdem immer leer. Man kann sich leicht vorstellen, dass einkaufen, kochen´und putzen fuer die neun Leute, die hier gemeinsam wohnen, eine Aufgabe fuer sich sind, und eine endlose noch dazu.
Euch faellt vielleicht auf, dass in meinen bisherigen Beschreibungen die Arbeit im Projekt einen eher kleinen Teil einnimmt - nicht umsonst. Im ganzen WG-Leben mit Parties, Ausfluegen, auch mal Faulenzen, Quatschen und den taeglichen Besorgungen scheint die Arbeit manchmal nichtig klein. Das liegt auch daran, dass es zu viele Freiwillige (um die 20!) fuer zu wenige Projekte bzw. Kinder gibt, was dazu fuehrt, dass ein manches Mal abgewechselt werden muss - und wieder ein Tag frei ist.
Und neue Projekte zu gruenden, sei es z.B. ein Englischkurs, ein neues Training in einem Barrio oder ein was einem sonst noch so einfallen koennte, ist schwierig, wenn man nur fuer so kurze Zeit bleibt wie wir.
Trotzdem macht die Arbeit wirklich Spass. Ausser den schon oben beschriebenen entrenamientos in den Barrios gibt es mehrmals die Woche Schwimmen mit Behinderten Kindern, ein paar Stunden Zirkus u.ä. in Waisenhaeusern, ein Training mit Gefaengnisinsassen und einiges mehr. Leider war ich zum Beispiel noch nicht im Gefaengnis, weil auch dort ein Ueberschuss an Freiwilligen herrscht - bezeichnend.
Letztes Wochenende hatten wir ein campamiento, ein Camp, mit allen Freiwilligen im etwa eine Stunden entfernten Longo Mai. Ein Dorf, das Teil einer Kooperativen ist, die es überall auf der Welt gibt und in dem zumindest annähernd selbstversorgend gelebt wird. Sehr interessant, aber leider hab ich noch nicht allzu viel Einblick in das Leben dort haben koennen. Es besteht aber die Moeglichkeit, dort fuer ein paar Wochen in einer Gastfamilie zu leben, bei Feldarbeit zu helfen und ein bisschen die Kultur kennenzulernen - wie ich finde sehr reizvoll, ich plane schon meinen Aufenthalt dort. J Der kleine Haken: Die Gastfamilien kriegen Geld, um zusaetzliches Essen etc bezahlen zu koennen - 6000 colones, also etwa 10 € pro Nacht/Tag…
Wichtig waer es mir aber schon, mal ein bisschen mehr Einblick in die Costa Ricanische Kultur zu kriegen. So schoen es auch ist, mit Deutschen, Oesterreichern und Schweizern zusammenzuwohnen - alles sehr interessante und coole Leute - fuehl ich mich doch irgendwie ein bisschen wie in einer europaeischen Blase mit wenig Costa Rica involviert, vom Spanisch gar nicht zu reden.
Zuletzt noch eine kleine Anekdote aus unserem Freizeitprogramm. Sonntag vor zwei Wochen, ein sehr heisser, schwueler Tag, sollte zu einem kleinen, abkuehlenden Ausflug zum Fluss genutzt werden. Es war die Rede von 10 Minuten Busfahrt und einem kaum nennenswerten Fussweg zu der anvisierten Stelle am Fluss.
Dummerweise stellte sich schnell heraus, dass der Bus erst in einer halben Stunde wieder fahren wuerde. Nach lateinamerikanischer Zeitrechnung nicht viel, also bleiben wir und vertreiben uns die Zeit mit Tagtraeumen vom kuehlen Nass. Eine Dreiviertelstunde spaeter steigen wir aus dem Bus. Was sofort auffaellt: Weit und breit ist kein Fluss zu sehen. Wir fragen nach, und erfahren, dass unser Ziel nur etwa 10 Minuten Marsch entfernt sein soll, die gesuchte Stelle sei dann “ahorita” erreicht. Wir werden schon misstrauisch - dieses Wort kann alles von jetzt bis in zwei Stunden bedeuten. Und unsere Skepsis ist berechtigt. Anderthalb Stunden und etliche Paare matschiger, zerstochener Fuesse spaeter erreichen wir endlich den ersehnten Fluss - nachdem wir in das Tal runtergelaufen und durch Stacheldrahtzaun begrenzte Kuhweiden gelaufen waren. Alle Anstrengung ist vergessen, sobald wir das Wasser sehen, kühl und tuerkis. Wir verlieren keine Zeit und springen sofort hinein.
Ploetzlich faellt auf: Es stinkt, ein suesslicher, durchdringender Gestank, der nichts Gutes verspricht. Und tatsächlich, der Blick um die Flussbiegung herum offenbart Den Ursprung - der Kadaver einer Kuh liegt am Ufer, aufgblaeht und verwesend, und leider auch halb im Wasser. Die Aasgeier kreisen schon darüber. Unsere Freude über das so “schoene” Wasser vergeht schnell. Wir sind ein wenig besorgt um unsere Gesundheit - verständlicherweise. Aber einmal drin, ist es zu spaet irgendetwas zu machen. Unsere Loesung: Wir schwimmen einfach weiter ;)
Uns packt die Lust, flussabwärts zu schwimmen und dort den Rest, der schon vorgegangen ist, wieder zu treffen. Was sich in unseren Koepfen anfänglich so einfach und entspannt gestaltet, ist in Wirklichkeit natürlich ein anderes Szenario: Die Stroemung ist teils ausgesprochen heftig, und auch die Steine im Flussbett, über die das Wasser häufig nur 20 oder 30 cm hoch laeuft, erschweren die Sache noch zusätzlich - heisst konkret: Ein grosser Spass! Involviert eine ordentliche Portion an Andrenalin, sobald man mal die Kontrolle verliert und vom Wasser bis zum naechsten Stein mitgerissen wird. Ein bisschen wahnsinnig, zugegeben, und alles andere als ungefährlich, aber ein Abenteuer, und ein lohnendes noch dazu.
Die Kuh und ihre Verwesungsgase und -gifte haben übrigens keine Spuren hinterlassen, zumindest noch nicht….
gute schriftwahl, meine liebe... :)
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